Der unausgeschöpfte Kreativraum

3D, Stock-Illustration, Chamaeleon jagt Ameise

Grafik-Design-Ausbildung und 3D
Mein subjektiver Eindruck ist, in den Ausbildungskonzepten zum Kommunikations-Designer wird bis heute zu wenig Zusammenhang zwischen 3D-Visualisierung und Grafik-Design hergestellt. Die Studenten bekommen Unterweisungen in Fotografie, aber Referenten für 3D-Visualisierung scheinen in den Akademien rar zu sein. An den kreativen Möglichkeiten und seinen Einsatzbereichen gemessen, müßte 3D-Design und Visualisierung den selben Stellenwert genießen wie Fotografie. 3D-Visualisierung ist Fotografie, Cinematographie und Illustration im virtuellen Raum.

Interesse für die Technik: Die Key-Visuals zu Werbekampagnen werden – das ist mein Eindruck aus der Praxis – sehr oft von Kreativen erdacht, die keine praktische Erfahrungen mit 3D-Visualisation haben. Das ist erst mal nicht weiter von Belang. Aber es ist schade. Da der 3D-Illustrator in der Regel erst dann hinzu gezogen wird, wenn die Bildidee dem Kunden bereits präsentiert wurde, bleiben viele der potentiellen Möglichkeiten eines 3D Programms für die Werbung ungenutzt.

Ebenso wenig, wie die Art-Direktoren ihre Anzeigenfotos selbst schießen müssen, sondern professionelle Fotografen beauftragen können, müssen sie professionelle 3D-Visulisierungen selbst umzusetzen.  Aber:  so gar keine Vorstellung davon zu haben, wie man mit 3D-Technik arbeitet und wozu man mit ihr in der Lage ist, scheint mir für die Ideenfindung zur Visualisierung verlustbehaftet zu sein.
Das führt dazu, dass geglaubt wird, dem 3D-Illustrator sei absolut nichts unmöglich. Für die die 3D-Technik einsetzende Film- und Spieleindustrie, scheint es schließlich auch keine Grenzen zu geben. Die Lösung ist für den Fachmann sicher nur ein paar Klicks entfernt – meint man.

Das wirkt sich in der Praxis zum Beispiel dadurch aus, das einerseits für komplizierte Visualisierungen weder genug Zeit, noch ausreichend Budget einkalkuliert wird, andererseits bleiben Möglichkeiten, die 3D quasi von Haus aus mitliefert, unnötigerweise ungenutzt. Ich stelle mir vor, die klar benennbaren Vorteile aber auch die Limits des Einsatzes von 3D-Visualisation, könnten mit etwas mehr Hintergrundwissen dem Kunden gegenüber effektiver kommuniziert werden.

Bei dem studierten Fachwissen, das Kommunikations-Designer heute üblicherweise mitbringen, darf ein beauftragter Fotograf davon ausgehen, das der Kreation die Funktion und Bedeutung von Objektivbrennweite, Blendenöffnung und Verschlusszeit vertraut ist. Darf der 3D Artist voraussetzen, dass die Kreation weiß wie sich Polygone, ein Mesh oder das Mapping darauf verhalten?

Auch den Auftraggebern sollte doch bewusst sein, was es für die Flexibilität von Präsentationen oder Werbekampagnen bedeuten kann, wenn zur Visualisierung von Aussagen der Einsatz von 3D-Szenen und Modellen eingeplant wird. Das gilt für allgemeine Objekte und besonders für Charaktere, Figuren oder Symbole, ebenso wie für Chartgrafik, Visualisierung von Abläufen und Prozessen.

Nur wenn die Bedeutung von 3D in der Visualisation bewußt ist, sind die dann sehr effektiven Möglichkeiten der mehrfachen und flexiblen Benutzbarkeit und die Variationsmöglichkeiten bis hin zur Animation, strategisch umfassend planbar.

Anwendungsbeispiel:
Ein Energieunternehmen will auf 15 unterschiedlichen Motiven vermitteln, warum es eine bestimmte technische Methode der Energieübertragung empfiehlt. Um das Bauwerk, die Vorrichtung oder das darzustellende Gerät technisch und perspektivisch korrekt in 15 verschiedenen Zusammenhängen darzustellen, kann es sinnvoll sein, von Anfang an – schon in der Skribblephase – mit 3D zu arbeiten.

Anwendungsbeispiel:
Die Power eines pharmazeutischen Produktes soll symbolhaft, durch die Darstellung von realistisch wirkenden Ameisen unterstützt werden. Die Insekten halten ein für sie riesiges Blatt über den Köpfen. Als Layoutvorlage dienen Fotovorlagen, die aber nicht für diesen Zweck lizenziert werden können. Ausserdem zeigen sich die Ameisen nicht in der optimalen Pose. Echte Ameisen scheiden zur Realisierung der Darstellungsanforderung aus. Passende Ameisen in 3D müssen zwar erst modelliert, in Material, Farbe und Struktur bestimmt werden, lassen sich dann aber präzise posen und wunschgemäß beleuchten.

Anwendungsbeispiel:
Ein Jogurtprodukt soll, einem detaillierten Skribble gemäß, in Verbindung mit einem annähernd, fotorealistisch illustrierten Chamäleon in Szene gesetzt werden. Wenn es schwierig ist, passende Fotos zu finden oder anzufertigen, ist es sinnvoll einen 3D-Character zu entwickeln. Im vorliegenden Fall sollte das Chamäleon als farblich unterschiedenes Paar in einem weiteren Motiv auftauchen, und sich zusätzlich als Wackelbild in einer Zweiphasen-Animation bewegen. Hier ist der Einsatz von 3D-Technik vermutlich zielführender, zeitsparender und kostengünstiger, als jede andere Methode das Briefing umzusetzen.

Kreativraum:
Anwendungen wie diese beschreiben nur einen Teil der ganz normalen Einsatzbereiche von 3D in der Werbung.
3D kann aber eigentlich eine ganze Menge mehr leisten. Was 3D gar nicht mag, sind inkorrekte Perspektiven, wie sie oft aus flüchtigen Skribbles resultieren. Man kann die falschen Perspektiven natürlich künstlich nachbilden. Falsche Perspektiven zu erzeugen bedeutet aber für den 3D-Designer erheblich mehr Aufwand im Anlegen von Modellen, und das ganz besonders dann, wenn eine solche Anpassung nachträglich angefordert wird.

Eine große kreative Herausforderung liegt aber darin, das 3D-Programm für Bilder, Perspektiven, Stimmungen oder Effekte zu nutzen, die sich überhaupt nur aus einem solchen Programm heraus erzeugen und darstellen lassen. Ein Kreativer, der Gelegenheit hatte sich in die Materie praktisch einzuarbeiten, wird möglicherweise vom 3D-Programm, bzw. vom 3D-Illustrator Umsetzungen erwarten, die über den Rahmen des oft Gesehenen ein Stück weit hinausragen. Das muss nicht zwangsläufig cineastischen Aufwand bedeuten. Geschickt eingesetze Mappings, Transparenzen, abstrakte Modellierungen, Licht- und Schatteneffekte, extremste Perspektiven, Betrachtungen aus verschiedenen Blickwinkeln, Tiefenunschärfen, aber auch neuartige Stile auf Basis von Schadern und rafinierten Texturen könnten Ansatzmöglichkeiten dafür sein.

Wenn sich ein/e CD oder AD, ein Verlag oder Unternehmen angesprochen fühlen würde, mit mir zusammen, das Abenteuer zu wagen die ausgetretenen Pfade zu verlassen um unkonventionelle Wege zur Visualisierung von Botschaften zu entwickeln, wäre das eine Herausforderung nach meinem Geschmack.


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